Eine schreckliche Vorahnung, ein düsteres Gefühl war es, was von Beginn an den Pagen beschlich, als er den Hauptmann Narraboth warnte, sie nicht immer so anzuschauen – sie, Prinzessin Salome, Tochter der Herodias, Stieftochter des Herodes. Zu stark jedoch ist sein Verlangen, sein Begehren nach ihrer Liebe, ihrer Aufmerksamkeit.

Salomes Aufmerksamkeit gilt jedoch einem Anderen.

Aus der Zisterne ertönt immer wieder die Stimme des Jochanaan, der hier, eingesperrt, das Kommen des Messias ankündigt und das sündige Leben der Herodias verflucht.
Diese Stimme lässt Salome nicht mehr los. So rücken auch die Zudringlichkeiten des Herodes sowie die schmachtenden Blicke des Narraboth in den Hintergrund und lässt sie das Verlangen nicht los mit dem Propheten zu sprechen.

Narraboth, blind vor Liebe, lässt, entgegen dem Befehls Herodes, Jochanaan aus der Zisterne bringen. Schließlich erträgt er Salomes Verlangen nach den Propheten nicht mehr und ersticht sich selbst.

So kommt alles, wie es kommen muss. Leidenschaft, Verlangen, Begierde, Hoffnung und Tod prägen dieses Stück.
Die Entwicklung Salomes von einer, mit kindlicher Leichtigkeit getragenen Persönlichkeit, neugierig, die durch ihr Verlangen nach Jochanaan immer weiter in den Wahnsinn getrieben wird, besessen  von dem perfekten Kuss. Trotzig und wütend schmiedet sie einen blutrünstigen Plan um dieses Ziel zu erreichen.
Für einen Tanz gewährt ihr Herodes einen Wunsch. Salome, die von Jochanaan immer wieder zurückgewiesen wird, sogar mit einem Fluch belegt wird, besteht auf seinen Kopf. Den Kopf des Jochanaan für diesen heiß ersehnten Kuss.
Widerwillig erfüllt ihr Herodes diesen Wunsch, bevor er sie aus Furcht ebenso töten lässt.

Romeo Castellucci inszeniert die Salome so, wie man sie wohl kaum noch gesehen hat.

Ganz bewusst hat er die Felsenreitschule gewählt. Der Fels bildet den Raum, die Arkaden zugemacht, erdrückend ist die Atmosphäre.  Es wirkt, wie eine Mauer, die nicht überwunden werden kann. Der Raum ist leer, alles auf ein Minimum reduziert, das schummrige Licht lässt den Messingboden gold-gelb erstrahlen.
Es wirkt nicht das auf die Besucher, was sich auf der Bühne befindet, sondern vielmehr das, was nicht vorhanden ist. Es ist die Phantasie des Einzelnen, die für einen besonderen Einklang mit der Musik von Strauss sorgt. Es ist das Nicht-Sichtbare, was die Wahrnehmung auf eine andere Ebene hebt. So tanzt auch Salome den berühmten Tanz der sieben Schleier nicht. Vielmehr kauert sie auf einem Sockel mit der Aufschrift „SAXA“, worauf sie von einem herabkommenden Stein verschlungen wird.
Dies wird zu einer Schlüsselszene der Oper –  der Punkt an dem die Veränderung Salomes am deutlichsten zu spüren ist. Kälter und dunkler wird ihre Stimme. Der Moment, wo sie nur mehr dieses eine Ziel verfolgt.
Ebenso wird in dieser Inszenierung immer wieder die Verbindung zu dem animalischen hergestellt, so taucht ganz plötzlich, inmitten berauschender Musik, ein echtes Pferd auf. Gegen Ende des Stückes legt Salome einen abgetrennten Pferdekopf in den Schoß des enthaupteten Jochanaan.
Auch hier lässt Romeo Castellucci wieder das Nicht-Sichtbare sprechen. So bekommt Salome nicht den Kopf des Jochanaan, sondern seinen Körper. Der lange ersehnte Kuss ist nicht zu sehen, der Besucher muss sich auch diesen vorstellen und genau diese Vorstellung, untermalt durch die kraftvolle Musik von Strauss ist es, was in dieser Inszenierung zu einem ganz besonders intensiven Empfinden führt.
Immer wieder tauchen rätselhafte Symbole und Zeichen auf, Leichen werden in Säcken durch den Raum transportiert.
Ein wahres Erlebnis für alle Sinne.

Nach dieser Inszenierung ist wohl eines klar und hierbei sind sich sämtliche Kritiker wohl einig – Salzburg hat einen neuen Star am Opernhimmel.
Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian brilliert in dieser Rolle und könnte man diese Leistung nur mit einem Wort beschreiben – perfekt.
Es gibt nichts, was man hier hätte besser machen können. Es sind diese zahlreichen Facetten, die sie im Laufe dieses Stückes zeigt. Eine unglaubliche Vielfalt an Dynamiken, dieses herrliche ausgeglichene Timbre, eine ganz besondere Frische machen diese stimmliche Stärke aus und dennoch schafft sie es auch immer wieder die ängstliche, zerbrechliche Seite zu zeigen. Selbst nach eineinhalb Stunden hat diese Stimme nichts von ihrem Glanz verloren – die Töne auf dem Punkt, die Sprache klar – kraftvoll bis zum letzten Moment.

Gábor Bretz punktet als perfekt artikulierender Bass-Bariton mit klarer, warmer Stimmlage, die genau diese geheimnisvolle Kraft des Propheten unterstreicht.

Eine solide, großartige Leistung lieferten auch der Tenor John Daszak als Herodes und Mezzosopranistin Anna Maria Chiuri als Herodias.

Auf den Punkt und sprachlich sehr deutlich zeigt sich der Tenor Julian Prégardien als Hauptmann Narraboth und die Altistin Avery Amereau verleiht der Rolle des Pagen einen ganz eigenständigen Charakter.

Insgesamt ein großartiges Ensemble, das perfekt miteinander agiert und harmoniert.

Franz Welser-Möst, der Star am Dirigentenpult, holte mit den Wiener Philharmonikern die gesamte musikalische Farbpalette heraus – von zarten Klängen bis zu einem gigantischen musikalischen Feuerwerk, solide, kraftvoll, ohne Druck. Es war eine klare musikalische Linie, die er, ohne diese unnötig auszuschmücken, von Beginn bis zum Schluss durchzog mit einer mystischen Aura, die sich passgenau in diese Szenerie einfügte. Musikalisch wurde all das klar was optisch nicht zu sehen war.

Vom Publikum wurde dies mit tobendem Applaus und Standing Ovation gedankt.

Pictures © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Pictures © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Mein Fazit:

Diese Inszenierung der Salome von Romeo Castellucci war für mich ein musikalisches und optisches Highlight. „Weniger ist mehr“ heißt es so schön und genau das trifft auch auf diese Inszenierung zu. Die Musik bekommt durch das bewusste Weglassen von Szenen und Elementen eine ganz andere Bedeutung, wirkt intensiver, ist präsenter und ganz von alleine lässt man seine Phantasie spielen, stellt sich diese wesentlichen Schlüsselszenen vor und ergänzt damit auf eine ganz besondere Art und Weise diese Inszenierung.

Persönlich wünsche ich mir, dass nun auch endlich erkannt wird, dass neben der, speziell in Salzburg immer hervorgehobenen, Anna Netrebko, so viele besondere Ausnahmetalente die Salzburger Festspiele zu dem machen, was sie sind – eine der qualitativ hochkarätigsten Kulturveranstaltung der Welt. Asmik Grigorian hat für mich an diesem Abend gezeigt, dass sie zu den ganz großen gehört. Ein neuer Stern erstrahlt am Opernhimmel – heller denn je.

Salome, inszeniert von Romeo Castellucci – mein Festspielhighlight 2018.

Thomas Pail