Mittwochabend war es endlich soweit. Die Neuinszenierung einer ganz besondern Oper feierte, bei schönstem Wetter, große Premiere bei den Bregenzer Festspielen.

Als tristes Drama kennt man sie – die Oper Rigoletto von Giuseppe Verdi – sein ganz persönliches Meisterwerk, wie er sie selbst nannte.

Ein Melodram vom Hofnarren Rigoletto und seiner Tochter Gilda – ein Fluch, ein tragisches Ende.

Regisseur Phillipp Stölzl bewies Mut, indem er genau diese dunkle Geschichte in eine bunte Zirkuswelt verpackte – spektakulär, lebhaft und akrobatisch.

So wurde aus dem Herzog ein Dompteur, aus dem Hofnarren ein Clown und aus dem Mörder ein Messerwerfer – der Hofstaat ein bunter Haufen aus Artisten und Affen.

Der Adel als großer Zirkus.

Eine Inszenierung, die den beteiligten Darstellern und Sängern alles abverlangt. Singen in schwindelerregenden Höhen, akrobatische Einlagen und die wohl größte Menge an Statisterie, die jemals in den, Gott sei Dank 22 Grad warmen, See gesprungen ist bzw. geworfen wurde.

Der Herzog – er wäre sicherlich ein Feindbild jeder feministischen Bewegung – als Macho, der mit der Peitsche zu seinen vielen Frauen geht. Ein Mann der weiß, was er will und sich genau das auch nimmt.

Der heimliche Star dieses Abends ist zugleich auch der größte und präsenteste – der überdimensionale Clownskopf als Bühne, gestikulierend mit der einen Hand, einen großen Ballon haltend in der anderen.

Noch nie gab es eine Seebühne in Bregenz, die selbst unterschiedlichste Gefühlsregungen darstellen kann und das auf sehr beeindruckende Art und Weise. Neugierde, Begeisterung, Fröhlichkeit und Trauer – all das war diesem Clownskopf anzusehen.

Doch waren es nicht nur die unterschiedlichsten erkennbaren Gefühlsregungen – so steht dieser Kopf auch sinnbildlich für das Vergängliche, die nahende Tragödie. Je näher die Tragödie heranrückte, desto mehr war der Verfall dieses Kopfes zu erkennen. Die Zähne vielen aus, die Nase ebenso, die Augen nur mehr leere Aushöhlungen, aus denen sich ein Schwall Tränen aus dem Bodensee ergoss.

Omnipresent – der Luftballon. Ein Symbol für das kurzlebige, vergängliche, zerbrechliche.

Bereits zu Beginn verliert Rigoletto den Ballon und stürzt ab, ein zweites Mal entwischt er wieder. Auch der überdimensional große Ballon erfüllt seinen Zweck. Zum einen träumt Gilda in luftiger Höhe von der Liebe und fährt diese zum Ende damit in den Himmel.

Es beeindruckte jedoch an diesem Abend nicht nur dieses spektakuläre Bühnenbild. Auch die gesangliche Leistung wurde mit tobendem Applaus bejubelt.

Vladimir Stoyanov glänzte als „Rigoletto“ mit konstant guter, ausgewogener Stimme, gleichbleibend gehaltenem Bass und gekonnt eingesetzten tragischen Nuancen speziell am Ende des Stückes.

Dass Stephen Costello zu den ganz großen Namen der Oper zählt, bewies er auch an diesem Abend wieder als „Herzog von Mantua“. Eine gesangliche Leistung auf höchstem Niveau mit kleinen unterbrechenden Phasen passiver Zurückhaltung.

Beeindruckend das stimmliche Durchhaltevermögen von Mélissa Petit als „Gilda“, besonders im Hinblick darauf, dass sie teils akrobatische Leistungen in schwindelerregenden Höhen erbringen musste. Trotz dieses Umstandes überzeugte sie das Publikum mit konstant guter Leistung, ruhiger Stimmlage, ohne sich das hektische Treiben auf der Bühne anmerken zu lassen. Klare Aussprache und eine helle Stimmfarbe – tonal absolut fehlerfrei.

Mit großer Bühnenpräsenz und kräftig klarem Bass präsentierte sich Miklós Sebestyén als „Sparafucile“.

Eine gesanglich einwandfreie Leistung auch von allen anderen beteiligten Charakteren.

Einzig allein der Umstand des hektisch bunten Treibens der Zirkuswelt auf der Bühne, machte es gerade anfangs schwer einzuordnen, wer nun gerade wirklich singt. Verfolgte man jedoch konzentriert den Text, war auch dies kein wirklich nennenswertes Problem.

Musikalisch auf höchstem Niveau präsentierte sich Enrique Mazzola mit den Wiener Symphonikern, der, als Gegenpol zu dem bunten Treiben auf der Bühne, das Stück wieder auf das reduzierte, was es ist – „Una storia triste dramatica“, was nichts anderes bedeutet als eine triste, dramatische Geschichte – ohne sich dabei in melancholischen Interpretationen zu verlieren.

Körperlich und stimmlich gefordert wurden auch der Prager Philharmonischer Chor sowie der Bregenzer Festspielchor, die trotz akrobatischer Einlagen eine starke, beeindruckende Leistung erbrachten.

Am Ende blieb dann nur noch eines – tosender Applaus und großer Jubel aus dem Publikum.

Mein persönliches Fazit:

Zu schnell, zu rasant, zu bunt waren kritische Bemerkungen so mancher Gäste und Journalisten. Zu viel Show und Akrobatik hätten den Blick auf das Wesentliche dieses Stückes getrübt.

Eine Ansicht, die man natürlich auch vertreten kann – aber eben auch nicht muss.

Eine große Show, spektakuläre akrobatische Einlagen und genau dieses übertrieben bunte Treiben stehen durchaus nicht im Gegensatz zu einem dunklen Drama, wie diese Geschichte es eigentlich ist.

Vielleicht trifft Philipp Stölzl gerade damit den Zahn der Zeit. Auch wir leben in einer bunten Welt, in einer hektischen Zeit, die von Kurzlebigkeit und Oberflächlichkeiten geprägt ist – und – schauen wir einmal erst genauer hinter die Fassade, so lässt sich sicherlich auch heute das ein oder andere Drama erkennen.

Ja, diese Inszenierung war mutig. Mut, die Adelswelt in einen bunten Zirkus zu transferieren. Mut, der belohnt wurde, so wird diese Oper sicherlich in die Geschichte der Bregenzer Festspiele eingehen. Von zahlreichen Besuchern und Fachleuten war im Anschluss an die Premiere bereits zu hören, dass dies die wohl schönste und spektakulärste Opernproduktion gewesen sei, die Bregenz je gesehen hat und das lag sicherlich nicht nur an dem perfekten Traumwetter, was an diesem Abend herrschte.

Für mich war dieser Abend eine doppelte Premiere. Zum einen die Premiere des Rigoletto zum anderen meine persönliche Premiere bei den Bregenzer Festspielen.

Ein wundervoller, gelungener Abend. Ich persönlich kann jedem einen Besuch der Bregenzer Festspiele nur anraten.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen wundervollen Opernabend, die ihren noch vor sich haben.

Thomas Pail