Viel kritisiert und dennoch umjubelt war sie – die neue Inszenierung des „Jedermann“ von Michael Sturminger vergangenes Jahr. 

Umso gespannter erwartete die Festspielgesellschaft die zweite Auflage dieser Inszenierung.

Was wird sich ändern?
Wagt man neue Einschnitte oder nähert man sich wieder der ursprünglichen Fassung?
Bleibt dieser Jedermann der kürzeste, den es je gegeben hat?
All diese Fragen beschäftigten die zahlreichen Besucher der Jedermann-Premiere 2018, die sich bei einem schönen Dinner oder einem erfrischenden Glas Champagner auf diesen ganz besonderen Abend einstimmten.

Auch ich ging genau diesen Fragen nach – direkt beim Premierenaperitiv auf der wunderschönen Festspielterrasse.
Bei frischen Fasties-Tramezzini und Festspielwein stimmte man sich richtig ein – genoss trotz eines frischen Lüftchens, den wunderschönen Blick auf die Salzburger Altstadt.

Leider kam das Ende des Regens zu spät und so entschied man sich, wie auch vergangenes Jahr, die Premiere im Großen Festspielhaus stattfinden zu lassen.

„Jedermann – Leben und Sterben im Hier und Jetzt“ – so lautet der Titel meines Beitrages, denn mit dieser Inszenierung hat Michael Sturminger die Handlung, aus einer vergangenen Zeit, irgendwann im Mittelalter, direkt in unsere Zeit verlegt – ins Hier und Jetzt.
Spekulanten, die sich verkalkulieren, ein Graben zwischen arm und reich, eine oberflächliche Gesellschaft, falsche Freunde und – der Tod. Themen, die uns jeden Tag immer wieder begegnen – sei es in unserem Umfeld oder in den Medien.

Die Handlung spielt, selbst im Festspielhaus sehr gut erkennbar, in Salzburg in und um den schönen Dom – Sinnbild des Glaubens. Davor drei Bögen, die im LED-Licht erstrahlen, umrahmt von einem weißen Vorhang. Im vorderen Bereich eine große Tafel, an die Jedermann seine illustre Gesellschaft zu ausschweifenden Parties bittet. 

Die berühmten „Jäää! Därrrrr! Maaaaaaaann!“-Rufe während des ausgelassenen Festes der Tischgesellschaft wurden vorverlegt – direkt an den Beginn des Stückes. Anmutend wie eine Ouvertüre teilen sie uns mit – wir alle sind betroffen – eben JEDERmann. Bei diesem Gedanken liegt es nahe, dass der Tod in diesem Stück auch die Rolle des Spielansagers übernimmt – mit den mahnenden Worten „Jetzt habet allesamt Achtung Leut …“.

Auch die Musik wurde stark verändert, so ziehen sich nunmehr synthetische Klänge durch das Stück – eine perfekt inszeniertes Klangerlebnis zu diesem modernen Jedermann.

Macht und Geld treibt ihn an. Ein starker Jedermann, der weiß was er will und wie er es sich holen kann. Schweift nicht umher, findet klare Worte. Er ist stolz, zeigt was er hat – ein Lebemensch. Es scheint, er sei der Mittelpunkt der Erde, die Welt dreht sich um ihn. Mitgefühl ist ihm fremd, sei es bei seinem armen Nachbarn oder dem Schuldknecht, der durch Fehlspekulationen in finanzielle Nöte geraten ist und nun um Hilfe für sich und seine Familie fleht. Einen Koffer voller Geld schleudert er ihm an die Brust, herablassend, besser wissend, rechthaberisch. Er sei selbst Schuld an dieser Misere und so wird er vor den Augen seiner Familie abgeführt.

Diesem Jedermann ist nichts heilig, blasphemisch ist sein Verhalten. So möchte er den Salzburger Dom erwerben – zu einem Ort seiner Dekadenz und ausschweifenden Parties soll er werden – seine Buhlschaft soll er beeindrucken.

Erstaunlich ist, wie schnell aus Hochmut Todesangst wird, er diese Kehrtwende macht – zu einem frommen, gläubigen Mann – voller Reue, der verzweifelt versucht jemanden zu finden, der mit ihm diese letzte Reise antritt.

Tobias Moretti scheint die Idealbesetzung dieser Rolle zu sein, so brillierte er mit starkem Ausdruck und klaren Worten – ein Jedermann, der weiß was er will. Klar und verständlich seine Gedanken.

Verändert auch die Rolle der Frau. Vom schmückenden Beiwerk hin, zu einem selbstbewusstem, starken Auftreten.
Stefanie Reinsperger gibt der Rolle der Buhlschaft eine ganz neue Bedeutung. Weg von der klassischen Schönheit, dem koketten Wesen, dem sich zur Schau stellen. Man könnte es zu Beginn noch eine Art Liebesbeziehung nennen – Lebensabschnittspartner. Doch ahnt sie bald das nahende Ende. Eine selbstbewusste, starke Frau ist sie, die weiß, was sie will, oder besser, was sie nicht mehr will. Immer mehr distanziert sie sich von ihrem Jedermann, sorgt sich, ergreift letztendlich dann doch unspektakulär die Flucht und überlässt ihn seinem Schicksal.

Ganz anders agiert hier seine Mutter – anmutig tritt sie auf, klar und sachlich. Sie ist in Sorge um ihren Sohn und doch kann sie ihn nicht erreichen. Ein unchristliches, unmoralisches Leben führt er. Gerade in dieser Inszenierung wird klar, die Mutter übernimmt eine mahnende Rolle.
Edith Clever verkörpert diese Rolle mit nüchterner Sachlichkeit, Anmut und einem großen Selbstbewusstsein. Eine großartige Leistung.

Auch heuer wieder eine imposante Erscheinung – Peter Lohmeyer als Tod. Schauderlich schön, beängstigend gut mimt er diesen. Stark tätowiert, in einem Kleid und Pumps tritt er auf – so mächtig, dass sogleich die Tafel zusammenbricht, das Geschirr und die Stühle fliegen. Hier wird klar, es gibt kein Entrinnen. Einzig und alleine einen kleinen Aufschub gewährt er ihm, bevor er ihn mit sanftem Todeskuss hinfort ruft aus dieser Welt.

Die Vettern, Freunde und Geschäftspartner sind schon lange fort. Von guten und schlechten Zeiten teilen diese nur die guten. Als ihnen klar wird, dass es den Jedermann, den sie so schätzen und lieben – nein, vielmehr dessen Gunst und Lifestyle – nicht mehr lange gibt, ziehen auch sie weiter – verängstigt, verstört. Mit zweifelhaften Ausreden verabschiedet sich einer nach dem anderen – wünscht ihm Glück und alles Gute – und ist ganz plötzlich weg.
Selbst der gute Gesell scheint sein Versprechen ewiger Treue so mehr und mehr zu vergessen. Diesen Weg tritt er nicht mit an. So lässt auch der letzte treue Freund Jedermann allein zurück.

Mehr ohnmächtig als Mächtig wirkt Christoph Franken als Mammon. Hinunter schleifen lässt er sich von Jedermann, der die Hoffnung hegt, diesen mitnehmen zu können auf seine letzte Reise. Doch selbst als er sich aufbäumt, der Mammon, der so viel Macht und Einfluss auf Jedermann hat, gelingt es ihm nicht wirklich bedrohlich zu wirken. Mehr kleine Münzsammlung als großer Schatz, dennoch ein wunderbares Bild davon, dass es schwer fällt, abzusagen von diesem weltlichen Besitz.

Mavie Hörbiger mimt brilliant die Werke. Blass erscheint sie, von Krankheit gezeichnet – zu schwach ist sie bereits, sich aufrecht auf den Beinen zu halten. Ein Sinnbild für den Lebenswandel, den Jedermann zu führen pflegte. Nicht viel zu sehen von guten Werken. Und doch steht sie ihm treu zur Seite, bekehrt ihn, steht ihm bei auf seinem Weg doch noch ein guter Christ zu werden. Mit Jedermanns Wandel gewinnt auch sie wieder an Kraft und Stärke.

Johannes Silberschneider ist in seiner Rolle als Glaube eine Art Beschützer, ein Wegweiser, der Jedermann eben genau auf diesen richtigen Weg zurückführt. Ruhig, gelassen steht er ihm bei, hält ihm, zusammen mit den Werken, den Teufel vom Leib – „Hier ist kein Weg für dich!“.

Doch dieser gibt nicht so schnell auf. Wie ein Drogensüchtiger auf Entzug wirkt Hanno Koffler als Teufel, nicht ganz bei Sinnen scheint er zu sein. Einzig und allein verständlich ist, dass diese wundersame Blitzbekehrung nicht verständlich sei. Er habe das Recht sich Jedermann zu holen. Am Glauben und den Werken ist jedoch kein Vorbeikommen.

Und so endet alles wie es enden muss. Aus einem gottlosen blasphemischen Jedermann ist gottesfürchtiger, reuiger Mensch geworden – rein gewaschen von Schuld und Sühne. Den Glauben wieder gefunden, tritt er nun die letzte Reise an, begleitet von den guten Werken.

Am Ende gab es tosenden Applaus und Standing Ovation.

Mein Fazit:

Ein wenig Skepsis regte sich schon in mir vor der Vorführung. Ist es mir zu modern? Zu sehr gekürzt? Verliert das Stück von seinem mystischen Charme? All diese Fragen habe ich mir gestellt.

Für mich hat sich jedoch sogleich herausgestellt, dass all diese Sorgen umsonst waren. Michael Sturminger hat mit dieser Inszenierung etwas geschafft, was mich als Zuseher beeindruckt hat. Er hat den Jedermann in unsere Zeit geholt, ihn hier und da modernisiert, leichter verständlich gemacht und dennoch nicht verfremdet. Es ist eine schmale Grenze zwischen klassisch alt bewährter Art und völliger Veränderung. Jedermann kann man weiterentwickeln, in unsere Zeit herholen, man kann vieles klarer und verständlicher erscheinen lassen, neue Charakterzüge betonen – doch – verändern darf man ihn nicht. Genau das ist meines Erachtens Michael Sturminger bravourös gelungen. Für mich war dieser Abend ganz großes Kino – pardon – ganz großes Theater.

Jedermann – ein Stück, was ein zentrales Thema unseres Lebens behandelt, an dem wohl keiner vorbei kommt – der Tod. Niemand weiß, wann und wie es einen trifft. Es geht darum, sein Leben zu reflektieren. Wie habe ich gelebt? Was habe ich bewirkt? Wie viel Zeit habe ich für wesentliches Verwendet, wie viel rein für die Befriedigung der Triebe?

Dieses Stück wird ewig leben, so wird es eines niemals verlieren – seine Aktualität.

Ich selbst würde jedem nahelegen, sich dieses Stück anzuschauen. Es lohnt sich in jeder Hinsicht und – vielleicht besinnt man sich dann wieder mehr auf das Wesentliche, ist zufriedener mit seinem Leben, lebt bewusster und intensiver – denn – niemand weiß wann er hinter uns steht – der Tod.

Thomas Pail