Seit Samstagvormittag blickt die internationale Kunst- und Kulturszene wieder auf die schöne Mozartstadt Salzburg – die Festspiele 2019 sind eröffnet.

Bis 31. August werden heuer 199 Aufführungen in 43 Tagen an 16 Spielstätten geboten. Im Zentrum stehen die Mythen der Antike.

US-Starregisseur Peter Sellars macht heuer, sowohl in seiner Eröffnungsrede als auch in seiner Inszenierung von Mozarts Idomeneo, eine unserer größten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zum Thema – den Klimawandel.

Ich durfte auch dieses Jahr wieder mit meinem Blog dabei sein und einen wundervollen Vormittag in der beeindruckenden Felsenreitschule verbringen. Für mich persönlich war es die bisher schönste Festspieleröffnung, die ich bis jetzt erleben durfte mit Themen, wie sie aktueller nicht sein könnten, großartigen, packenden Reden und vielen ganz persönlichen Überraschungen.

Was haben nun die Mythen der Antike mit unserem Hier und Jetzt zu tun?

Festspielpräsidentin Rabl-Stadler geht in Ihrer Eröffnungsrede genau auf diese Frage ein.

„Wir werden den Beweis erbringen, dass die Beschäftigung mit den Mythen kein Schwelgen in längst vergangenen Zeiten bedeutet, sondern Auseinandersetzung mit der Welt von heute“, sagte Präsidentin Rabl-Stadler im Hinblick auf den diesjährigen thematischen Schwerpunkt der Festspiele. Denn: Deren große Themen, Schicksal und Schuld, Sieg und Niederlage, Freundschaft und Hass, Liebe und Rache, würden über Jahrtausende hinweg auch den Nerv unserer Zeit treffen.

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Landeshauptmann Wilfried Haslauer zeigt in seiner Rede die Grenzen im Leben und in der Kunst auf.

„Wir stecken in unseren Grenzen wie in unserer Haut, einem komplexen System, das im ständigen Austausch von innen und außen steht. Tastsinn, Luft, Licht, Wärme: Durchlässigkeit innerhalb einer zuträglichen Bandbreite ist Grundvoraussetzung für Leben. Für Haut und Grenzen gilt gleichermaßen: Der Verlust der Balance von Schutz und Austausch ist letal.“ Die Kunst sei die permanente Verhandlung von Grenzverschiebungen, sie relativiere Absolutes. Sie stelle die Frage nach moralischen und ethischen Grenzen und sei dabei in besonderer Weise dem Schicksalshaften verhaftet. Sie interpretiere ihre großen Werke immer wieder neu, aus anderen, heute wichtig erscheinenden Gesichtspunkten – als ein Spiegel, in dem wir uns selber entdecken können.

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Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein sieht die Salzburger Festspiele als Inspiration und Provokation.

„Die Mythen enthalten all das, was das Leben ausmacht: Den Logos und den Mythos, das Trennende und das Verbindende, das Alte und das Neue. Die Festspiele dienen dabei als immerwährende Inspiration und teils wohl auch als Provokation, geben Impuls zum Nachdenken und zum Schwelgen, stimulieren Geist und Sinne, reflektieren das Verhältnis zwischen Mensch und Natur immer wieder aufs Neue.“ Kunst und Kultur seien nicht nur hübsche Verzierung, sondern im Gegenteil unersetzlicher Teil des Menschseins. Neues, Ungewöhnliches, auch Gewagtes sei nötig, um die Weiterentwicklung einer mündigen Gesellschaft zu garantieren. „Die Kunst darf im Unterschied zur Politik auf den Kompromiss verzichten. Sie muss auch provozieren und verstören. Die Politik hingegen ist auf den Kompromiss angelegt und angewiesen“, so die Bundeskanzlerin.

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Peter Sellars sieht die Lösung des Problems „Klimawandel“ in der Schaffung einer neuen, ökologischen Zivilgesellschaft. „Wir müssen dringend die Strukturen des Kapitalismus und des internationalen Bankensystems hinterfragen und eine breit aufgestellte politische und soziale Gerechtigkeit schaffen.“  Notwendig sei es dabei, die Position der Frauen zu stärken sowie auf tradierte Erkenntnisse indigener Völker zurückzugreifen. „Die Wissenschaft gibt uns noch genau 15 Jahre, um eine neue, eine ökologische Zivilisation zu schaffen“, mahnt der Festredner. Und weiter: „Der Klimawandel verlangt nach Gleichberechtigung, nach Gemeinschaften, Netzwerken und Strukturen, die es uns ermöglichen, auf Augenhöhe zu handeln. Unsere Generation war die Generation der Imperien und der Konsumgesellschaft. Jetzt ist es an der Zeit, eine neue Generation von engagierten, schöpferischen, fürsorgenden jungen Menschen willkommen zu heißen.“

„Musik und Oper sind Kunstformen, die auf Erfahrung beruhen. Hier finden wir Räume für neue Erkenntnisse und überraschende Einsichten.“ So beruhe die Entstehung von Mythen darauf, um zu verstehen, dass alles in der Welt miteinander verbunden ist und einen kausalen Zusammenhang, ja, ein Karma hat.

Der Mensch verbraucht heute das sechsfache an Ressourcen, was die Erde derzeit bereitstellen kann. Wir zerstören die Wälder, die Lunge unseres Planeten und die Meere, die rund 70% unserer Erdoberfläche ausmachen – das Lebenserhaltungssystem unseres Planeten. Aktuelle Schätzungen belegen, dass jeder von uns pro Woche die Menge an Plastik einer Kreditkarte zu sich nimmt – wir werden zu Plastikmenschen könnte man hier sagen.

„Das sind tatsächlich kulturelle Fragen, genau so wie wissenschaftliche und politische Themen, die durch die Kunst in Musik, Tanz, Malerei, Film und Dichtung Ausdruck finden müssen. Wir brauchen neue Stimmen, und es gibt viele neue Geschichten zu erzählen!“, so Peter Sellars.

Beendet hat er seine Rede mit einer wundervollen Verbindung zwischen Mozarts Idomeneo und unserer Gesellschaft im Umgang mit dem Klimawandel:

„Der 24-jährige Mozart beendet seine Oper mit einem erstaunlichen Kunstgriff, einer Botschaft aus der Zukunft und einem Akt der Heilung. Neptun erscheint und kündigt Idomeneo an, er könne aufgrund seiner gebrochenen Versprechen nicht länger König sein. Neptun bietet Idamante, dem rebellischen Sohn Idomeneos, und Ilia, dessen Flüchtlingsbraut — also der nachfolgenden Generation —, die Herrschaft an. Sie sind es, die sich mit Integrität, Unschuld und Liebe tatsächlich durchgesetzt haben. Ihre Hartnäckigkeit und ihre Vision qualifizieren sie für diese Führungsrolle.

Heute, in diesem aufwühlenden Augenblick der Menschheitsgeschichte, geht die junge Generation mit Entschlossenheit und Idealismus auf die Straße. Kinder sprechen eindringlich mit ihren Eltern. Sprecht weiter! Ihr habt den größten Einfluss auf eure Eltern! Und ihr Eltern, hört auf eure Kinder! Unsere Generation war die Generation der Imperien und der Konsumgesellschaft. Jetzt ist es an der Zeit, eine neue Generation von engagierten, schöpferischen, fürsorgenden jungen Menschen willkommen zu heißen.“

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Für eine Überraschung sorgte auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen, so begeisterte er mit einer sehr persönlichen, emotionalen Rede.

„Wir müssen die sein, die mitarbeiten an der Lösung und die aktiv die Zukunft unserer Menschheit sichern. Wir alle können und müssen konkret mithelfen“, unterstrich auch Bundespräsident Van der Bellen und sprach dabei konkret auch die Banken, Energiewirtschaft, Technologie-Konzerne, Lebensmittelerzeuger, Konsumentinnen und Konsumenten und die Politik an. „Denn wenn wir weiterleben wollen, werden wir so nicht weitermachen können.“ Die Lösung liege in der Gemeinschaft. Klimaschutz, Digitalisierung, Migration seien allein nicht zu lösen. Van der Bellen weiter: „Wir müssen hier einen gemeinsamen europäischen Weg gehen. Wir müssen uns darum bemühen. Nur gemeinsam sind wir stark.“

Es war deutlich zu spüren, dass dieses Thema eine Herzensangelegenheit des Bundespräsidenten ist, dass in bereits in seinen früheren politischen Funktionen immer wieder begleitete. Mit eindringlichen Botschaften, persönlichem Charme und Humor wandte er sich direkt an die anwesenden Vertreter der Banken und Energiewirtschaft. Und wenn es ihm damit gelungen ist nur einige davon zu überzeugen umzudenken, so hat er mit dieser Eröffnungsrede bereits viel erreicht.

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Musikalisch umrahmt wurde das Programm vom Mozarteumorchester Salzburg unter der musikalischen Leitung von Aziz Shokhakimov, der für mich ganz klar zu den großen Stars dieser Eröffnung gehörte. Mit Temperament, Leidenschaft und einer dennoch spürbaren Ruhe und Gleichmäßigkeit führte er das Orchester zu einer fantastischen musikalischen Höchstleistung.

Von der schwungvollen Ouvertüre aus der Opéra-bouffon Orphée aux enfers von Jacques Offenbach, über Tzigane – Rhapsodie de concert für Violine und Orchester von Maurice Ravel – bei dem die Violinen-Solokünstlerin Patricia Kopatchinskaja eine musikalische Bestleistung hinlegte, die vom Publikum mit tosendem Applaus honoriert wurde – bis hin zu der Rumänischen Rhapsodie A-Dur op. 11/1 von George Enescu, es war ein musikalischer Hochgenuss vom Feinsten und eine Eindrucksvolle Darbietung dessen, was die Salzburger Festspiele sind – mit eines der schönsten und hochwertigsten kulturellen Festivals dieser Zeit.

Wenn man es irgendwie schafft an Karten zu kommen – und das gestaltet sich, wie ich jedes Jahr selbst erfahren muss, nicht immer als leicht – so zahlt sich ein Besuch der Salzburger Festspiele immer aus.

Die Kunst spiegelt das wider, was wir waren, was wir sind und was wir sein könnten. Für mich persönlich gehört es dazu, mich auch mit diesen Themen zu befassen und ich möchte diese meine Begeisterung, besonders im Hinblick auf die jüngeren Generationen, teilen.

Es zahlt sich aus in Karten zu investieren, denn bekommt man hier nicht nur einen musikalischen Genuss auf höchstem Niveau, sondern auch viele neue Erkenntnisse, die unsere Sichtweise auf verschiedenste alltägliche Themen, Sorgen und Probleme anregen, verändern oder beeinflussen.

In diesem Sinne wünsche ich sowohl all denen, die bereits Karten besitzen, als auch denjenigen, die noch darum kämpfen, eine wunderbare, schöne Festspielsaison 2019.

Thomas Pail