Was macht einen echten Mann aus? Welche Rolle spielt der Mann? Wie definiert sich ein wahrer Held?

Es war genau das Thema, womit sich Mariame Clément in Ihrer Inszenierung des Don Quichotte nach Jules Massenet, die Donnerstagabend große Premiere im Zuge der Bregenzer Festspiele feierte, auseinandersetzte.

Die Inszenierung ein waghalsiges, mutiges Experiment, so ist jeder einzelne Akt in einer anderen Zeit, es gibt ein Theater im Theater, die Grenze zwischen der reellen Handlung und der Phantasie verschwimmt zusehens.

Bereits zu Beginn große Verwirrung im Publikum, so war auf einer großen Leinwand eine umstrittene Gilette Werbung zu sehen, gefolgt von einem bewusst inszenierten Wutgespräch eines angeblichen Opernbesuchers, der sogleich eine minutenlange Wutrede darüber hielt, wie die Netzreaktionen auf besagten Werbespots ausfielen. „Wer hat denn die Burgen gebaut?“

Für die nächste Verwirrung sorgte eine Bühne auf der Bühne, auf der Sitzreihen, baugleich derer der Oper, installiert war, wo, sowohl normale Besucher sowie Figuren des Stückes, Platz nahmen und sich den darauf beginnenden ersten Akt ansahen.

Im ersten Akt noch in klassischer Anmutung – ein Don Quichotte, so wie man ihn aus unzähligen Darstellungen kennt, so wie man ihn sich vorstellt.

Weiter geht es im zweiten Akt in einem Badezimmer, wo er, in einer Art Wahnsinn, gegen einen Ventilator kämpft, der für die berühmten Windmühlen steht. Zur Seite steht ihm hier ein Sancho Pansa, der mehr an einen heruntergekommenen Rockstar erinnert.

Der dritte Akt spielt in einer sehr urbanen Gegend ab – einer verdreckten Straße, die Wände mit Graffitis übersät. Der berühmte Ritter trauriger Gestalt tritt hier als Spiderman auf – quasi als Held unserer Zeit. Eine sehr spannende Verbindung, so haben diese beiden Figuren doch mehr gemeinsam, als es im ersten Augenblick scheint. Der klassische Don Quichotte ist mehr Antiheld als Held, so wird er mehr belächelt als bewundert und auch die große Liebe bleibt ein unerfüllter Traum. Die Rüstung dient als Verkleidung, denn selbst zu dieser Zeit, in der sich die klassische Erzählung abspielt, trug man bereits lange keine Rüstungen mehr. Don Quichotte als klassischer Nerd der ersten Stunde könnte man sagen. Auch Spiderman nützt seinen Spinnenanzug als Art Verkleidung, denn auch sonst niemand würde so auf die Straße gehen. Auch in seinem wahren Leben als Peter Parker fällt er unter die Kategorie Nerd und zählt nicht unbedingt zu dem, was man als klassischen Frauenhelden bezeichnen würde. Spiderman als Don Quichotte des 20./21. Jahrhunderts.

Im vierten Akt zeigt sich Don Quichotte als bemitleidenswerter Nerd, der in einem ganz typischen Großraumbüro arbeitet und von seinen Kollegen nur mit Spott und Hohn bedacht wird, als er Dulcinée die gestohlene Kette wieder bringt. Ab diesem Moment tritt sein treuer Gefährte Sancho Pansa aus seinem, durch Furcht und Zurückhaltung geprägten, Schatten und verteidigt energisch seinen Herrn.

Sterben darf Don Quichotte letztendlich im fünften Akt auf einer Bühne auf der Bühne – so gehen drei Vorhänge auf. Dulcinée beobachtet das Geschehen vom „Zuschauerraum“ auf der Bühne, bevor sie kurz vor Don Quichottes Sterben im Publikum verschwindet.

Eine Inszenierung die mit einer Flut an Reizen, unterschiedlichsten Eindrücken und Bildern und einem teils etwas unübersichtlichen Gesamtkonzept aufwartet. Eine Interpretation des Stückes, die mit der literarischen Fassung nur mehr wenig zu tun hat. Zu viel könnte man meinen, zu lange Umbauphasen könnte man sagen. Diese Kritik hätte durchaus seine Berechtigung. Man könnte jedoch auch sagen, dass sich dieser Don Quichotte in unterschiedlichsten Figuren, verschiedenster Epochen widerspiegelt und uns zeigt, dass es genau diese Art Antiheld immer und überall gibt. Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist ein Mann ein Held?

Gábor Bretz, der die Rolle als „Don Quichotte“ das erste mal sang, glänzte mit einer konstant sehr guten gesanglichen Leistung und einem sehr klaren Bass.

Sehr feine Nuancen, eine große Wandlungsfähigkeit und eine starke emotionale Präsenz zeigte der Bariton David Stout als „Sancho Pansa“.

Anna Goryachova startete als „Dulcinée“ mit einer guten musikalischen Leistung in den ersten Akt, bestach im weiteren Verlauf mit einem stimmlichen Feuerwerk, punktgenauen Tönen und großer Spannung.

Zurecht mit lautstarkem Applaus gefeiert – Patrik Reiter als „Juan“.

Eine sehr solide Leistung auch aller anderen Mitwirkenden.

Konstant sehr gute Leistung wie immer auch vom Prager Philharmonischer Chor.

Ein Ruhepol – im Gegensatz zu der Reizüberflutung auf der Bühne – Daniel Cohen mit den Wiener Symphonikern. Zarte Klänge – ruhig und leise. Kein musikalisches Feuerwerk, dennoch eine zu dem Stück passende Subtilität und Leichtigkeit.

Trotz mancher Kritik gab es vom Premierenpublikum langen, tosenden Applaus. Die ungewöhnliche und mutige Idee dieser Neuinterpretation und Umsetzung des Stückes kommt beim Publikum an und ist somit durchaus geglückt.

Mein Fazit:

Diese Opernproduktion gehört mit Sicherheit zu den verrücktesten, die ich bisher sehen durfte. In keiner anderen Produktion habe ich bisher einen mit eingebauten Werbespot, geschweige denn einen inszenierten Aufreger aus dem Publikum gesehen.

Es war auch nicht immer sofort klar, wo die Grenzen zwischen Realität und Traum, zwischen der Vergangenheit sowie dem Hier und Jetzt gezogen wurden.

Natürlich wirkte sich das deutlich auf die Umbauzeiten zwischen den einzelnen Akten aus, was ich persönlich dennoch nicht als störend empfand, da ich diese Zeit in dem Sinne genützt habe, dass ich die Eindrücke des vorangegangenen Aktes auf mich wirken ließ.

Auch wenn diese Produktion hier und da ein wenig überladen war, so muss ich dennoch feststellen, dass diese Interpretation erfrischend neu war und genau das ist es, was das Publikum an diesem Abend dann doch überzeugt hat.

Prädikat – außergewöhnlich anders – definitiv sehenswert.

In diesem Sinne wünsche ich allen Festspielbesuchern, die Ihre Aufführung noch vor sich haben, einen wundervollen Opernabend.

Thomas Pail