„Passion, Ekstase und Leidenschaft“ prägen die Salzburger Festspiele 2018.

Diese wurden vergangenen Freitag von Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnet, die Festrede hielt der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom.
Ein schonungsloser Analytiker Europas Geschichte, kritisch mit der gesellschaftlichen Gegenwart.
Passender hätte man den Festredner wohl kaum wählen können, so war diese Eröffnung vom Thema Europa geprägt.

Die Augen Europas schauen in diesem Jahr noch viel genauer auf Salzburg, so hat Österreich seit 1. Juli 2018 den Vorsitz im Rat der Europäischen Union. Aus diesem Grund waren in diesem Jahr  zahlreiche Gäste der internationalen Politik mit anwesend. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs sowie rund 60 Diplomaten wohnten der diesjährigen Festspieleröffnung bei.

Eine Ehrenformation des Bundesheeres begrüßte Bundespräsident Van der Bellen, der diese zusammen mit seinem Staatsgast, Portugals Präsident Marcelo Rebelo de Sousa, abschritt.

Offizielle Festspieleröffnung in Salzburg Foto: Neumayr/Leo 27.07.2018 Landeshauptmann Wilfried Haslauer, Bundespräsident Alxander van der Bellen, Staatpräsident Portugal Marcelo Rebelo de Sousa,

Offizielle Festspieleröffnung in Salzburg Foto: Neumayr/Leo 27.07.2018 Landeshauptmann Wilfried Haslauer, Bundespräsident Alxander van der Bellen, Staatpräsident Portugal Marcelo Rebelo de Sousa

Festakt, 2018, Salzburger Festspiele, © Manfred Siebinger

Festakt, 2018, Salzburger Festspiele, © Manfred Siebinger

 

Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler wie bereits in Ihrer Eröffnungsrede darauf hin, dass die Salzburger Festspiele ursprünglich aus politischen Motiven gegründet wurden.
„Widersprechen wir jenen, die ihre Redegewalt für europäische Untergangsszenarien missbrauchen. Investieren wir unsere rhetorische Stärke, vor allem aber unsere Tatkraft, um die faszinierende Idee eines vereinten Europas wieder voranzutreiben. “Die Manifestation des Glaubens an Europa“ und „Festspiele als europäisches Friedensprojekt“ waren das Anliegen unserer Gründer Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal.“

Offizielle Festspieleröffnung in Salzburg Foto: Neumayr/Leo 27.07.2018 Präsidentin Helga Rabl-Stadler,

Offizielle Festspieleröffnung in Salzburg Foto: Neumayr/Leo 27.07.2018 Präsidentin Helga Rabl-Stadler, Photo by www.neumayr.cc

 

Die Metamorphose hat längst begonnen – das war die zentrale Aussage in der Rede von Landeshauptmann Wilfried Haslauer.
Dieser widmete seine Rede dem Gedenkjahr.
„Diesmal gedenken wir 100 Jahre Ende des 1. Weltkrieges und Gründung der Republik Österreich, aber auch 80 Jahre Anschluss. Wir begehen solche Anlässe mit dem Glück der Spätgeborenen in routinierter Betroffenheitskultur, suchen Parallelen zu damals, warnen vor den Anfängen, schwören „Nie wieder!“, halten Wiederholung in Wahrheit aber für ausgeschlossen und gehen hernach zu einem leichten Mittagessen, da uns der zu hohe Cholesterinspiegel und die Kurzatmigkeit im Fitnessstudio mehr beschäftigen als die Katastrophen von damals.“
Ob diese Wiederholung wirklich ausgeschlossen ist, hängt wohl von uns selbst ab.
„Vielleicht steht unsere Metamorphose noch in einem Stadium der Verpupptheit, vielleicht warten wir bloß darauf, wie Schmetterlinge in freiem Flug eine Ahnung von Unendlichkeit zu bekommen.“

Offizielle Festspieleröffnung in Salzburg Foto: Neumayr/Leo 27.07.2018 Landeshauptmann Wilfried Haslauer

Offizielle Festspieleröffnung in Salzburg Foto: Neumayr/Leo 27.07.2018 Landeshauptmann Wilfried Haslauer, Photo by www.neumayr.cc

 

Kulturminister Gernot Blümel führt in seiner Festspielrede aus, was die Festspielpräsidentin bereits begonnen hatte – die Verbindung zwischen Kultur und Politik.
„Zum ersten Mal stehen wir vor Herausforderungen, die wir so noch nie zu lösen hatten.“
Der Austritt von Großbritannien aus der EU, Migration, Budget und drohende Handelskriege – man könnte von einer „Krise Europas“ sprechen.
Europa ist divers, wir brauchen keine Gleichschaltung, führt er weiter aus. Wir hätten bereits alles, was wir brauchen, um unsere Herausforderung zu lösen.
Einzig und allein der emotionale Aspekt fehle uns noch dafür.
„Was ist das geeignete Medium dafür, aus faktischer Diversität emotionale Identität entstehen zu lassen?“
Die Antwort sieht Bundesminister Blümel in Kunst und Kultur. Sinn dahinter sei es, Emotionen zu wecken und damit eine gemeinsame Europäische Identität zu schaffen.
„Denn „niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt“, hat ein großer Europäer einmal gesagt. So wichtig er auch sein mag.“, so der Minister.

Offizielle Festspieleröffnung in Salzburg Foto: Neumayr/Leo 27.07.2018 Bundesminister Gernot Blümel

Offizielle Festspieleröffnung in Salzburg Foto: Neumayr/Leo 27.07.2018 Bundesminister Gernot Blümel, Photo by www.neumayr.cc

 

Aufklärung war das Thema des diesjährigen Festspielredners Philipp Blom, als Kontrast zu dem heurigen Festspielmotto „Passion, Ekstase und Leidenschaft“.
Als Kind der Aufklärung sei er aufgewachsen, mit vielen Büchern. In der Hoffnung, es könne ihm das Leben erklären begann er Kants Kritik der reinen Vernunft zu lesen. Obwohl er das Buch enttäuscht zur Seite legte, verliebte er sich dennoch in eine Idee – das Finden des Pfades durch diese chaotische Welt rein durch die eigene Vernunft. „Philosophie ist riskantes Denken.“, erkannte schon die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch.
„Trotz dieser oft sehr realen Gefahren erwies sich das klare Denken als unwiderstehlich und hat dadurch unsere Gegenwart geprägt: Menschenrechte, liberté-egalité-fraternité, life-liberty-and-the-pursuit-of-happiness, Demokratie, Naturwissenschaft, die Befreiung der Sklaven, das Ende der Kirchenherrschaft und die Emanzipation der Frauen wären ohne sie buchstäblich undenkbar.“, führt er weiter aus.
„Wir sind alle Kinder der Aufklärung.“  Ein Satz, der laut Blom, mittlerweile zu einer Phrase verkommen ist, die Politiker, Journalisten und Historiker als selbstverständliche Tatsache ansehen. Die universellen Menschenrechte sieht er längst als rhetorische Beschwichtigung zusammengeschnurrt, abgelöst worden vom Rückzug auf das Eigene, auf die Nation, die Grenze – die Aufklärung als Kampfbegriff der Abgrenzung. Die Menschen haben Angst, die künstliche Idylle der Nachkriegszeit sei vorbei – man könne nicht noch reicher, privilegierter und sicherer werden. Blom meint dazu Die schönste Hoffnung unserer Gesellschaften ist es deswegen geworden, Zukunft überhaupt zu vermeiden und in einer nie endenden Gegenwart zu leben.“ Die Aufklärung als Waffe zum Erhalt des Status quo der Reichen und Mächtigen.
„Wir sind Nachkommen von Pionieren, die etwas riskiert haben um uns ein bequemes Leben mit verbrieften Rechten zu ermöglichen, eine Generation von Erben, die sich heimlich für moralisch überlegen halten, weil ihre Vorfahren einmal mutig waren.“
Was wäre, wenn eine neue, dringend gebrauchte Aufklärung mit einer Rehabilitierung der Leidenschaft beginnen würde?“
Aufklärerisch wäre es, das Verhalten durch Verständnis, Phantasie und Empathie zu ändern, um eine Zukunft möglich zu machen, in der die Ökonomie als Teil der Ökologie begriffen wird und Menschen als Primaten, die dazu neigen, sich selbst hoffnungslos zu überschätzen.
„Das wäre riskant für unser Selbstbild, unseren Wohlstand und den Status quo. Das wäre aufklärerisch.“

Salzburger Festspiele 2018 Eröffnungsfestakt in der Felsenreitschule Salzburg Foto: Franz Neumayr LMZ 27.7.2018 Im Bild Eröffnungsredner Philipp Blom

Salzburger Festspiele 2018
Eröffnungsfestakt in der Felsenreitschule Salzburg
Foto: Franz Neumayr LMZ 27.7.2018
Im Bild Eröffnungsredner Philipp Blom

 

„In der Literatur lechzen wir nach dem Blitz, der uns mit seiner Zunge lecke.“, so der Bundespräsident Alexander Van der Bellen in seiner Eröffnungsrede. Doch könne er in der Politik auf diesen Blitz und Wahnsinn verzichten. „Ja, die Leidenschaft. Nirgendwo kommt sie in so ergreifender, packender, vollendeter Form zum Ausdruck wie in der Kunst, wie auf dem Theater, in der Oper, in der Literatur.“
Die Gründerväter zeigten Leidenschaft Verantwortung und Augenmaß, als sie die Idee eines gemeinsamen, vereinten Europas praktisch umzusetzen begannen. In seiner Rede unterstreicht er wieder, dass er ein geeintes Europa für essentiell hält, ja er brenne für dieses Europa. In diesem Zusammenhang übte er auch wieder Kritik am Rechtsruck und der nationalen Bewegung.
Er sei Realist.
„Es ist also möglich, dass wir eines Tages aufwachen und uns sagen müssen: Wir hatten ein Vereintes Europa, aber leider nicht genügend Europäerinnen und Europäer.  Ja, Scheitern ist möglich. Umso mehr Energie müssen wir mobilisieren.“

Salzburger Festspiele 2018 Eröffnungsfestakt in der Felsenreitschule Salzburg Foto: Franz Neumayr LMZ 27.7.2018 Im Bild Bundespräsident Alexander van der Bellen bei seiner Eröffnungsrede

Salzburger Festspiele 2018
Eröffnungsfestakt in der Felsenreitschule Salzburg
Foto: Franz Neumayr LMZ 27.7.2018
Im Bild Bundespräsident Alexander van der Bellen bei seiner Eröffnungsrede

 

Für die musikalische Umrahmung sorgte das Mozarteumorchester Salzburg unter der musikalischen Leitung von Stardirigent Kent Nagano.
Die Ouvertüre zu Candide von Leonard Bernstein, die Ballade für Orchester op. 23 von Gottfried von Einem sowie der Tanz der sieben Schleier aus Salome op. 54 von Richard Strauss begeisterten die etwa 1.500 geladenen Gäste in der beeindruckend blau beleuchteten Felsenreitschule.
Neben der Bundes- und Landeshymne, kam bei dieser Eröffnung wohl der Europahymne eine ganz besondere Bedeutung zu.

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Die Salzburger Festspiele haben für mich persönlich einen ganz besonderen Stellenwert, so besuche ich diese seit dem Jahr 2000 jedes Jahr – im Alter von 14 Jahren habe ich mich mit, zu genau so einer Festspieleröffnung, hineingeschmuggelt – zugegeben, mit Hilfe der Festspielpräsidentin.
Kunst und Kultur haben auch für mich seit meiner Kindheit an eine ganz besondere Rolle gespielt und so möchte ich dies auch auf meinem Blog dementsprechend kommunizieren.

Kunst kann vieles – Kunst bildet, Kunst unterhält, Kunst prägt uns und unsere Gesellschaft und – Kunst macht Spaß.
Ja, wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, wir wiegen uns in Sicherheit und schätzen das alles was wir haben meist viel zu wenig.
Die Gesellschaft verändert sich und das ist uns allen bewusst. Wir leben in Zeiten der Globalisierung, die ganze Welt ist vernetzt. Umweltkatastrophen, Kriege und Hungersnöte vor den Toren Europas, der Terror bereits in unseren Gebieten gegenwärtig.
Bundesminister Blümel spricht mir aus der Seele, wenn er sagt, dass Kunst und Kultur in engem Zusammenhang mit Politik stehen und ja – man kann etwas bewegen.
Wenn wir uns mit Kunst und Kultur auseinandersetzen, so setzen wir uns mit uns selbst und unserer Geschichte auseinander.

Mein ganz persönliches Anliegen ist, gerade junge Menschen wieder genau für diese Themen zu begeistern – ein Kontrast zu dem schönen, „perfekten“ Lifestyleleben, das ich meist präsentiere hier auf meinem Blog.
Die Salzburger Festspiele bieten Jahr für Jahr ein Programm auf einem internationalen Top Niveau und jeder, der eine Karte ergattern kann, sollte sich die ein oder andere Aufführung anschauen – es lohnt sich mit Sicherheit.

Es ist immer etwas besonderes – von der Vorbereitung auf ein Stück, wo ich mich mit dem Thema des Stückes auseinandersetze, über die Aufführung selbst – wenn man eintaucht in diese ganz besondere Welt – bis hin zu einem Glas Wein danach, wo man all das erlebte nochmals Revue passieren lässt.

Nach dieser fulminanten Eröffnung freue ich mich nun auf die Salzburger Sommerfestspiele 2018.

Was nun bleibt sind 206 Aufführungen in 42 Tagen in 18 Spielstätten.

Wer nun neugierig geworden ist und eines der Resttickets ergattern möchte, der findet unter folgendem Link immer das aktuelle Kartenangebot:
https://www.salzburgerfestspiele.at/ – Aktuelles Kartenangebot.

In diesem Sinne, fröhliche Spiele

Thomas Pail